Das Interesse am Thema Bildung ist sowohl im öffentlichen als auch in politischen und wissenschaftlichen Diskursen seit geraumer Zeit ungebrochen. In der Sozialen Arbeit hat der Diskurs um Bildung seit den 2000er Jahren unterschiedliche Facetten des Begriffs hervorgebracht. Auch für Österreich wird vom Erziehungswissenschaftler Sting eine "Intensivierung des Bildungsdiskurses und die Auseinandersetzung mit Bildungsungleichheiten" festgestellt, die einerseits einen Bildungsbegriff, der über den formalen Bildungsbegriff hinausgeht, und andererseits Bildung als "Bildung im Kontext" diskursiv hervorbringt.
Die Frage nach Merkmalen des Bildungsverständnisses, dem Bildungsauftrag der Sozialen Arbeit, nach Bildung als Menschenrecht oder auch die Frage nach den strukturellen Bedingungen von Bildung bzw. Bildungschancen gehören zum facettenreichen Repertoire des Bildungsdiskurses.
Eine relevante Dimension des Bildungsbegriffs im Diskurs der Sozialen Arbeit, ist die kritisch-emanzipatorische Dimension, die Bildung als Empowerment konturiert. Dieses Verständnis entspricht dem Anspruch der Profession als Menschenrechts-Profession und dem politischen Anspruch auf Basis der globalen Definition der Sozialen Arbeit.
In der Lehrveranstaltung wird das Thema "Bildungsprozesse und Bildungsauftrag in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit" vorgestellt und als Rahmenthema für individuelle Forschungsinteresse zugrunde gelegt. Dabei können die Studierenden in unterschiedlichen Handlungsfeldern (z. B. Soziale Arbeit in Schulen, Soziale Arbeit in Arbeit und Beschäftigung, Beratungskontexten, Kinder- und Jugendarbeit) zu Fragestellungen forschen, die sich beispielweise mit folgenden Aspekten beschäftigen:
- Gibt es einen offiziellen bzw. inoffiziellen Bildungsauftrag in der Einrichtung?
- Wird der Bildungsauftrag als solcher wahrgenommen?
- Was wird als Bildung in dem jeweiligen Handlungsfeld verstanden?
- Wie wird der Bildungsauftrag in der Praxis wahrgenommen und umgesetzt? Welche Form von Bildung ist darin impliziert?
- Spiegelt sich im offiziellen Auftrag, in der Praxis, in Leitbildern, etc. der Anspruch auf Empowerment wider und wenn ja, in welcher Weise?
- Wie gehe ich damit um, wenn mein Bildungsauftrag mit dem Bildungsverständnis der Einrichtung/der Fördergeber:in kollidiert?
Die Lehrveranstaltung bietet den Rahmen, um über die hier vorgestellten Fragen und Themen nachzudenken, Forschungsschwerpunkte individuell zu setzen und mögliche methodische Vorgehensweisen zu konzipieren.
Das Ziel der Lehrveranstaltung ist es, die Studierenden für die Bildungsarbeit (als zentrale sozialpädagogische Aufgabe) zu sensibilisieren und beratend zur Seite zu stehen bzw. sie mit Expertise zum Thema zu unterstützen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Rahmenbedingungen und Ressourcen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem selbstgewählten Thema zum Forschungsschwerpunkt zur Verfügung zu stellen. Die Auseinandersetzung dient nicht nur der Aneignung von wissenschaftlichen Kompetenzen und Expertise zum Thema, sondern soll auch dazu anregen, den Bildungsauftrag in der künftigen Praxis zu erkennen, kritisch zu reflektieren und dort, wo notwendig, einzufordern.
Für die Disziplin der Sozialen Arbeit im Allgemeinen und der Sozialpädagogik im Speziellen liegt die Relevanz der Bearbeitung des Themas auch in der noch geringen Verankerung im österreichischen Diskurs bei gleichzeitig hohem gesellschaftlichem Stellenwert von Bildung und Bildungsprozessen.