Soziotechnische Imaginationen KI-basierter Sprachtechnologien an den Beispielen KI-Forschung und Soziale Arbeit in Österreich.
Hintergrund
Die teils frei zugänglichen Formen generativer bzw. kommunikativer künstlicher Intelligenz (KI) wie die Chatbots ChatGPT (OpenAI) oder Gemini (Google) stellten für viele Menschen den ersten bewussten Kontakt mit KI dar. Seither bekamen diese Technologien nicht nur viel öffentliche Aufmerksamkeit (Stichwort KI-Hype), sondern halten in immer mehr Bereiche des privaten und beruflichen Lebens Einzug. Das Besondere an diesen KI-Sprachtechnologien ist, dass sie menschliche Sprach- und Interaktionsfähigkeiten überzeugend simulieren. Damit tun sich neue Möglichkeiten auf, allerdings wird der zunehmende Einsatz von KI in immer mehr Bereichen und die sich daraus ergebenden Risiken für Individuen und Gesellschaften auch kontroversiell verhandelt. Auch zeigen sich Verunsicherungen, wie KI-basierte Sprachtechnologien wahrgenommen, eingeordnet (bspw. als Werkzeug, Maschine, Gesprächspartner*in, Freund*in, Companion, Assistent*in oder Gefahr) und verwendet werden können. Dies ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass Sprache/n und dem Sprechen vielfältige soziale und identitätsbezogene Funktionen zukommen und diese bislang als Alleinstellungsmerkmal des Menschen galten. Ebenjene enge Verknüpfung zwischen Sprache, Menschsein und dem Sozialen wird durch KI-Sprachtechnologien irritiert. Folglich stellen sich Fragen nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine sowie nach den Auswirkungen auf das Verständnis von Sprache und die zwischenmenschliche Kommunikation. Genau an diesen Fragen setzt dieses Projekt an.
Projektinhalt
Das vorliegende soziolinguistische Projekt untersucht Sprach- und Kommunikationsideologien, d.h. Vorstellungen über Sprache, Kommunikation und damit verbundene soziale Bewertungen, in Bezug auf kommunikative künstliche Intelligenz. Konkret wird erforscht, welche Kommunikationsideologien bspw. durch Chatbots, Sprachassistenzen und ähnliche Sprachtechnologien (re)produziert werden, als auch wie diese von verschiedenen Akteur*innen imaginiert werden. Weiters geht es um die Eigenschaften, die KI-gestützten Sprachtechnologien zugeschrieben werden und das Verhältnis zwischen Mensch und Technologie.
Im Rahmen des Projekts werden zwei Forschungsfelder und die dort vorherrschenden Kommunikationsideologien gegenüber KI-basierten Sprachtechnologien empirisch untersucht: der Bereich der KI-Forschung und der Bereich der Sozialen Arbeit. Mit diesen beiden Feldern wird sowohl die Entwicklungs- als auch die Anwendungsperspektive abgedeckt: Einerseits wird mit der Fokussierung auf die KI-Forschung die Perspektive, soziotechnische Imaginationen und Kommunikationsideologien jener Akteur*innen beleuchtet, die diese Technologien entwickeln und beforschen. Komplementär zur Entwicklungsseite wird auch (stärker) die Anwendungsseite berücksichtigt, indem soziotechnische Imaginationen, (potentielle) Anwendungen und Kommunikationsideologien in Bezug auf derlei Technologien im Bereich der Sozialen Arbeit, die die kommunikative Beziehungsarbeit als zentral für ihr professionelles Handeln sieht, untersucht werden.
Ziele
Das übergeordnete Forschungsinteresse gilt Kommunikationsideologien im Zusammenhang mit kommunikativer KI. Neben einem besseren theoretischen Verständnis von Kommunikationsideologien im Kontext von kommunikativer KI zielt das Projekt auch empirisch auf Kommunikationsideologien im Design von verschiedenen KI-Sprachtechnologien sowie im Bereich der KI-Forschung und der Sozialen Arbeit ab. Unter anderem werden folgende Forschungsfragen behandelt:
- Welche Kommunikationsideologien sind KI-basierten Sprachtechnologien inhärent? Welches Verständnis von Sprache und Kommunikation liegen dem Design von KI-Sprachtechnologien zugrunde? Welche Interaktionsmöglichkeiten sind im Design angelegt?
- Wie wird kommunikative künstliche Intelligenz von verschiedenen Akteur*innen der KI-Forschung und der Sozialen Arbeit imaginiert?
- Welches Verständnis von Sprache und Kommunikation liegt den soziotechnischen Imaginationen zugrunde?
- Welche weiteren Zuschreibungen, Erwartungen, Potentiale, Bedenken, Herausforderungen etc. äußern verschiedene Akteur*innen der KI-Forschung und der sozialen Arbeit in Bezug auf die Entwicklung und Nutzung von KI-basierten Sprachtechnologien?
- Welche Anwendungen KI-basierter Sprachtechnologien sind aus der Sicht der Sozialen Arbeit vertretbar?
Methoden
Das linguistisch-ethnographische Projekt kombiniert verschiedene qualitative Methoden, darunter Artefaktanalysen, Interviews und teilnehmende Beobachtungen. Auf diese Weise werden die Vorstellungen von kommunikativer künstlicher Intelligenz aus der Perspektive möglichst vieler Akteur*innen (z. B. KI-Programmierer*innen, Sozialarbeiter*innen sowie potenzieller Nutzer*innen) umfassend beleuchtet. Im Rahmen der Artefaktanalysen wird das Design ausgewählter KI-basierter Sprachtechnologien hinsichtlich der inhärenten Kommunikationsideologien analysiert.
Die positionierungstheoretische Auswertungsmethode fokussiert auf die sprachliche Repräsentation und Bewertung von kommunikativer KI, deren sprachlichen sowie kommunikativen Agency und vom Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen. Dabei werden Vorstellungen von Sprache und Kommunikation (Kommunikationsideologien) sowie deren Verschränkung mit sozialen Bewertungen und weiterführenden sozialen bzw. gesellschaftlichen Bezügen analysiert. Diese Kombination aus ethnographisch geprägten Erhebungs- und positionierungstheoretischen Auswertungsmethoden erlaubt es somit, Bezügen zu translokalen (diskursiven) Prozessen nachzugehen und dabei Kontinuitäten und Unterschiede zwischen den Feldern (KI-Forschung und Soziale Arbeit) und soziotechnischen Imaginationen über die jeweiligen Erhebungssettings hinaus herauszuarbeiten.
Das Projekt wird von einem multidisziplinären wissenschaftlichen Beirat begleitet. Der Beirat besteht aus Expert*innen aus dem Bereich Machine Learning/Künstliche Intelligenz, Social Robotics, Sozialarbeitswissenschaft, Soziale Arbeit, Soziologie und Soziolinguistik.
Fördergeber
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Department Soziales
